MINIzuFuß 2026 – Rückblick
von Christina Purrer
Im Spätsommer 2026 gab es wieder ein Angebot zum gemeinsamen Wandern zwischen Wohnprojekten: Die MINIzuFuß 2026 – „Mini“ deshalb, da sie heuer nur fünf Tage statt üblicherweise fünf Wochen gedauert hat. Organisator und ehemaliges Vorstandsmitglied der IniGBW, Ralf Aydt, war in diesem Jahr bereits 2.000 km auf Wanderschaft in Rumänien – und überließ die Wandertour einem jungen Organisationsteam, das bei der INIzuFuß 2025 dabei war, bestehend aus Aurelia Brida, Christina Purrer und Arthur Kammerhofer.
Die drei planten eine Forschungsreise zu einem spezifischen Thema: alternative, gemeinschaftliche Sorgemodelle. Wie gelingt Sorgetragen über familiäre Grenzen hinweg in einer Wohn- und Lebensgemeinschaft? Wie kann Sorgearbeit kollektiv getragen und fair verteilt werden? Wie gelingt generationenübergreifendes gemeinschaftliches Wohnen? Und welche (architektonischen) Wohnformate fördern kollektive Fürsorge?
Innerhalb weniger Tage hatten sich 25 Personen für die Wanderung angemeldet. Wegen Platzmangel fand sich schließlich eine vierzehnköpfige generationenübergreifende Wandergruppe – von der 25jährigen, die sich Familiengründung nur mit mehr als zwei erwachsenen Bezugspersonen vorstellen kann, bis zur 65jährigen, die sich nach dem Auszug ihrer Tochter auf ein gemeinschaftliches Leben in einem neuen Wiener Wohnprojekt freut. Jeden Tag wurde maximal fünf Stunden lang gewandert. Das Wandern eignete sich hervorragend, um in die Tiefe zu gehen und die Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten; je nach Gesprächspartner*in. Aufgrund müder Füße fand die Gruppe ab und zu aber auch flexibel Abkürzungen mit den Öffis.
Die Gruppe besuchte die Wohnprojekte BROT Pressbaum, Pomali, Auenweide, Wohnstrudel und SchloR. Besonders intensive Einblicke gewährten die Besuche bei Pomali und der Auenweide, da die Gruppe vor Ort – in den Gemeinschaftsräumen oder in privaten Wohnungen – übernachten durfte. Die Wandernden wurden stets herzlich mit Kaffee, Kuchen, Jause oder sogar einem üppigen Abendessen empfangen. Die gemeinsamen Essen boten Gelegenheit zum lockeren Austausch mit den Wohnprojekt-Bewohner*innen. Im Anschluss fand ein Gespräch in der großen Runde zu den Forschungsfragen der Wandergruppe statt. Am Ende jedes Tages und ganz vor allem am letzten Tag waren die Köpfe voll, die Eindrücke zahlreich und die neuen Erkenntnisse brauchten etwas Zeit um zu sacken.
Was nimmt sich die Gruppe aus der MINIzuFuß mit?
Ein:e Mitwanderer:in schreibt im Feedbackbogen:
„Ich nehme mir so vieles mit – das hat hier alles nicht Platz. Ich bin sehr berührt, wie herzlich und offen wir in den Projekten empfangen worden sind und berührt von vielen persönlichen Gesprächen mit Bewohner*innen in den Wohnprojekten und innerhalb unserer Wandergruppe. Ich nehme Wissen über technische Details und organisatorische Abläufe mit, eine Ahnung davon wieviel Energie und Commitment es braucht, um in größerer Runde gemeinschaftlich zu wohnen, eine Ahnung davon, was für eine Chance und was für ein Schatz es auch sein kann gemeinsam zu wohnen, dass ein Projekt auch irgendwie „work in progress“ ist – ein gemeinsames Ausprobieren, und außerdem Inspiration, Forschergeist und Dankbarkeit.“
Die vielen Eindrücke der MINIzuFuß zusammenzufassen, ist ein ambitioniertes Unterfangen. Dennoch hier ein Versuch, die wichtigsten Erkenntnisse zu bündeln:
- Wie Sorgetragen organisiert ist, hängt wesentlich von der Zusammensetzung und Vision der Gründungsgruppe ab. Die am Anfang involvierten Personen prägen die langfristige Ausrichtung des Wohnprojekts. So entstehen ganz unterschiedliche Projekte – vom Familien-fokussierten Wohnprojekt (BROT Pressbaum, Pomali, Auenweide) zum alternativen Zusammenleben und -arbeiten in Wohngemeinschaften mit angedockten Betrieben (SchloR).
- Die Architektur prägt das Zusammenleben. Architektur kann Gemeinschaft fördern oder behindern. Pomali und die Auenweide loben ihre Gemeinschaftsräume, durch die alle Bewohner*innen beim Heimkommen durch müssen (oder dran vorbei). Bei SchloR findet Austausch in der WG oder am vorgelagerten „Dorfplatz“ statt. Im Bestand ist es kniffliger, da der Gestaltungsfreiraum begrenzt ist: Beim Wohnstrudel spielt die Jahreszeit derzeit noch eine große Rolle – viel Austausch gibt’s im Sommer, wenn alle im Garten sind. Der neu entstehende Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss schafft bald mehr Gelegenheit für Vernetzung.
Auch Flexibilität ist wichtig: Bei BROT Pressbaum sind Wohnungen in Nutzungseinheiten unterteilt, die flexibel zusammengeschlossen oder getrennt werden können – je nach Bedürfnissen der Bewohnenden. Bei SchloR gibt es Verbindungszimmer, die entweder an WG 1 oder WG 2 angeschlossen werden können. - Gemeinschaftliches Sorgetragen hat Grenzen und ist nicht formalisiert. Vorübergehende Krankheits- oder Pflegefälle können im Wohnprojekt gut aufgefangen werden. In Pomali wurde eine Dame mit Demenz bis zum Umzug ins Pflegeheim betreut, in der Auenweide eine Person mit Burn-out versorgt, Jungfamilien im Wochenbett werden bekocht. Interne Buddy-Systeme sorgen für Vernetzung mit Menschen aus anderen Haushalten. So findet sich viel Bereitschaft für kurzfristige Unterstützung.
Doch längerfristige Betreuungsbedarfe können in den von uns besuchten Wohnprojekten nicht geleistet werden: Hier wird auf die biologische Familie referenziert. Es wird unterschieden zwischen Co-Housing und Lebensgemeinschaft. In Richtung Lebensgemeinschaft tendiert am ehesten das Wohnprojekt SchloR, bei dem Mieten solidarisch nach Bietersystem bezahlt werden, Transparenz über die finanzielle Situation der Individuen herrscht und Kinder in WGs aufwachsen.
Es wird klar: Wohnprojekte können einen Boden für Unterstützung über die Grenzen der biologischen Familie hinweg schaffen, bieten aber keine Garantie. Vieles ist „im Prozess“; es gibt keine klaren Abläufe für kollektives Sorgetragen. Lösungen werden situativ erarbeitet, wenn es so weit ist. Besonders zum Altern im Wohnprojekt fehlen meist die Erfahrungswerte. - Wohnprojekte sind nur mit Wohnbauförderung niederschwellig zugänglich – oder mit dem Habitat-Modell. Erhält ein Wohnprojekt keine Förderung, werden Mieten teuer oder bei Einzug müssen hohe Eigenkapitalbeiträge gezahlt werden. Dann bleiben nachbarschaftliche Unterstützungssysteme einer sozioökonomisch besser gestellten Gruppe vorbehalten. Empfehlungen an die Politik zur Förderung gemeinschaftlichen Wohnens auf Basis der wissenschaftlichen Studie CO-HOPE (TU Wien) finden sich hier: https://www.inigbw.org/policy-brief-empfehlungen-fuer-gemeinschaftliches-wohnen-in-europa/
Bei Habitat-Projekten müssen Einziehende keinen Eigenbeitrag leisten – es braucht allerdings eine fähige, gut vernetzte Gruppe, der es gelingt, laufend Direktkredite einzuwerben. Wer das Habitat-Modell kennenlernen möchte: Unser Modell – habiTAT
Im Hinblick auf kollektive Fürsorge und die faire Verteilung von Sorgearbeit sind die Eindrücke der Wandergruppe ambivalent. Die Grenzen des Leistbaren waren deutlich; ein Wohnprojekt kann keine Patentlösung für große gesellschaftliche Herausforderungen wie die Care Krise und die demographische Alterung sein. Auf die Frage „Was hast du über gemeinschaftliches Sorgetragen gelernt?“ antworten die Mitwanderer*innen nach dem Besuch der ersten vier Wohnprojekte (exklusive SchloR):
„In den Wohnprojekten, die wir besucht haben, ist Sorgearbeit nicht als fixer Bestandteil implementiert. Sie beruht auf Freiwilligkeit und kann nur für einen gewissen Zeitraum geleistet werden. Menschen, die Hilfe brauchen, müssen aktiv um Hilfe bitten, haben aber keinen Anspruch darauf. Hilfe ist auch kein Tauschhandel, d.h. wenn ich wem helfe, dann muss derjenige nicht mir zum Ausgleich helfen.“
„Gemeinschaftliches Sorgetragen ist auch in Wohnprojekten begrenzt möglich, aber eben möglich. Es ergibt sich „von alleine“ durch individuelle Beziehungen innerhalb des Projektes, wird aber auch durch unterschiedliche „tools“ gefördert/ermöglicht, wie zb. Buddy System, Signalgruppen, Austauschkreise etc. Es ist wichtig, selbst um Hilfe zu fragen, Hilfe annehmen zu können und auf die eigenen Grenzen zu achten. In einer größeren Gruppe ist vielleicht mehr möglich als in einer kleineren. Ich denke, auch die Ausrichtung des Projekts (gemeinsame Werthaltung) beeinflusst die Art und Intensität des Sorgetragens. Altern in Wohnprojekten hat teilweise noch eher wenig Platz oder Beachtung bekommen (zumindest in den Projekten, die wir gesehen haben).“
„Dass man es nicht zu streng systematisieren kann, dass man stattdessen die menschliche Kontakte systematisch fördern kann (Buddy-Systeme, regelmäßige Treffen in unterschiedlichen Gruppengrößen), und aus diesen entsteht Care Arbeit freiwillig. Diese Arbeit zu streng zu systematisieren berücksichtigt nicht die tatsächliche Lebenssituation der Menschen, was auch die Ungerechtigkeiten bezüglich „was ist Arbeit“ reproduzieren kann.“
„Mein Fokus liegt auf Wohnen im Alter, d.h. barrierefrei und mit der Option auf Hilfe und bei Bedarf auch Pflege. Familienwohnprojekte, so wie wir sie gesehen haben, eignen sich definitiv nicht dafür.“
„Ich will in ein Wohnprojekt ziehen und wollte zwischendurch schwanger werden (Fruchtbarkeitsbooster Wohnprojekt, aber geht bei mir biologisch zum Glück nicht)“
„Die familiäre Sorgestruktur (Paarzentriertheit) ist stark verankert auch in Wohnprojekten.“
Unsere Fragen zum kollektiven Sorgetragen konnten während der Wandertour nicht vollumfänglich beantwortet werden. Doch eins ist sicher: Gemeinschaftliches Wohnen bietet einen Boden für Interaktion, Vernetzung und Neuverhandlung. Da kann viel Neues wachsen. Wer mehr erfahren möchte, darf sich schon freuen: Co-Organisatorin Christina Purrer arbeitet aktuell an einem Podcast über gemeinschaftliches Wohnen, Care und alternative Familienmodelle mit Aufnahmen von der MINIzuFuß. Die IniGBW wird informieren.